Quest Update

Christian Huberts

"All work and no pay makes Chris a dull boy."

Darum sucht er jederzeit nach spannenden Aufträgen als Freiberufler und/oder einer Festanstellung in den Bereichen Gaming, Kulturvermittlung, Öffentlichkeitsarbeit, Kuration, Beratung, Lehre, Forschung, Recherche, Kulturjournalismus, Redaktion oder Lektorat. Mehr zu seinem Profil gibt es hier im Blog, auf der offiziellen Homepage sowie bei Xing und torial.

Christian freut sich über konkrete Hinweise und faire Angebote!


Donnerstag, 14. Juli 2016

#Remain, weil es läuft ja. Halbzeit 2016.

Aus- und Rücktritte liegen gerade im Trend. Meine Auftraggeber haben jedoch – zum Glück – #Remain gewählt. Auch im ersten Halbjahr 2016 gab's reichlich zu tun an der freiberuflichen Games-Experten-Front. Eine Auswahl:


piqd


Nach wie vor bin ich Kurator bei piqd – der ›Programmzeitung für guten Journalismus‹ – und suche nach erkenntnisreichen Artikeln über Computerspiele und Gaming-Kultur. Mittlerweile habe ich dort sogar eine eigene Experten-Seite und einen spezialisierten Twitter-Kanal für Games gibt es seit Kurzem ebenfalls. Reinschauen lohnt sich:

Der Next Level Conference und anderen gefällt's auf jeden Fall. Und wer gerne meine Piqs kommentieren oder im Community-Bereich selbst zu Games piqen möchte, kann mich in den Kommentaren nach einem Code für eine Premium-Mitgliedschaft fragen – so lange der Vorrart reicht.


Nachtkritik – Monypolo


Die Theatergruppe Prinzip Gonzo setzt regelmäßig Spielmechaniken im Theaterkontext um. Ihre neuste ›Open-World-Simulation‹ heißt Monypolo und setzt sich auf spielerische Weise mit dem Kapitalismus auseinander. Für Nachtkritik.de habe ich ein Spiel gewagt und meine Eindrücke schon am nächsten Morgen festgehalten:
Im Untertitel heißt es "Liebe dein System" und auch das System dieses Spiels lässt sich ganz widerstandsfrei lieben. Es gibt kaum ernste Regelkonflikte und keine kritische Rhetorik, die sich aus dem Zusammenspiel der Simulationsvariablen entwickelt. Erfolg haben ist geil und verlieren gar nicht so schlimm. Nicht mal das Gefängnis droht. Jeder geht über Los! Das spiele ich gerne wieder – an einem verregneten Sonntag mit der Familie oder beim Betriebsausflug zur Verbesserung der Teamfähigkeit. Nur um den Kapitalismus zu befragen, spiele ich es wohl nicht noch einmal.
Das klingt wahrscheinlich etwas hart. Spaß hatte ich auf jeden Fall. Nur hatte ich den auch schon dutzenfach in kapitalistischen Spielwelten am Computer. Wenn Theater dem nicht viel mehr hinzuzufügen hat, bleibe ich skeptisch…


detektor.fm – Alternate Reality Games


Ich weiß nicht, ob Ihr es schon gehört habt, aber Pokémon Go wurde offiziell veröffentlicht. Und in gewohnt prophetischer Weise, habe ich bereits Wochen vorher einen Hype vorhergesagt. Auf detektor.fm sprach ich über ›Alternate Reality Games‹ und erwähnte ganz beiläufig, dass die Pokémon-Lizenz wohl für mehr Appeal in der breiten Öffentlichkeit sorgen wird. So ist es nun ja wohl gekommen:
Die Faszination besteht im Verwischen der Grenzen zwischen Alltag und Fiktion. So kann der manchmal etwas langweilige Alltag mit geheimnisvollen Dingen aufgefüllt werden.
Hier kann man in das Interview reinhören:




D'haus – Ureinwohner


Noch mehr Theater. Mit Natives von Glenn Waldron hat das Düsseldorfer Schauspielhaus zur Zeit ein tolle Stück für Jugendliche im Programm. Für das Spielzeitheft D'haus durfte ich darüber schreiben – sowie über X-Men, Zombies und Computerspiele:
Ein nuklearer Krieg hat die Erde zerstört. Wie in den »Fallout«-Computerspielen. Es herrschen Überlebenskampf und Bürgerkrieg. Wie in »Die Tribute von Panem«. Alle tragen Schwarz. Wie in »Matrix«. Zwischen Ruinen erwachen in 14-jährigen Jugendlichen ungeahnte Kräfte. Wie bei den »X-Men«. Die sogenannten »Special Ones« können die Elemente kontrollieren. Wie in der Zeichentrickserie »Avatar«. Oder sie beschwören magische Kreaturen. Wie in »World of Warcraft«. Mit ihren neu gewonnenen Fähigkeiten richten sie größeres Chaos an, als es je gegeben hat. Den Anfang von Glenn Waldrons Stück »Natives« bildet ein Sammelsurium popkultureller Zerstörungs- und Machtfantasien. Als hätte man die Erzähltropen der Jugendkultur in einen Mixer geworfen. Drei Jugendliche – A, B und C – erzählen sich diese Geschichte. Sie stammt aus einem Film, den sie alle gesehen haben, könnte aber genauso gut ein Computerspiel oder ein Comic sein. Games definieren sich als Medium dadurch, dass in ihnen nicht nur passiv konsumiert, sondern aktiv Handlungsmacht ausgeübt wird.


Kompressor – Hakenkreuze in Games


Auf die Gefahr hin, als Hakenkreuz-Verteidiger in die deutsche Computerspielgeschichte einzugehen, habe ich im Kulturmagazin Kompressor des Deutschlandradio Kultur über die Darstellung verfassungsfeindlicher Symbole in Games gesprochen:
Nazi-Symbolik darf in Unterhaltungsmedien nicht gezeigt werden. Trotzdem sehen wir in Spielfilmen häufig Nazis mit Hakenkreuzen, in Videospielen werden sie strikt zensiert. Ein Anachronismus, findet der Online-Journalist Fabian A. Scherschel in einem Kommentar auf heise.de. Hat er recht? Warum? Darüber sprechen wir mit dem Game-Experten und Kulturwissenschaftler Christian Huberts.
Das ganze Interview mit mir gibt es hier:




WASD #9


Kein Halbjahr ohne neues WASD-Bookazine! In der 9. Ausgabe geht es diesmal um das Erzählen von Geschichten in Computerspielen. Wer sich – völlig unverständlich – vor dem Impulskauf noch unsicher ist, kann wie immer in die kostenlose Leseprobe reinschauen. Und wer lieber zuhört als liest, darf sich gerne die zugehörige Folge des WASD-Talk anhören. Hier entlang:



Von mir gibt es einmal etwas über beliebte Story-Klischees – von Rache bis zu Gut und Böse – zu lesen sowie einen Vergleich von The Witness und Firewatch:
Der Job der Brandwache von Firewatch ist nicht, so betont die Vorgesetzte Delilah per Funkgerät, die Wildnis von Wyoming vor dem Verbrennen zu bewahren, sondern da zu sein, wenn es passiert. Und The Witness trägt die Zeugenrolle ebenso bereits im Titel. Es möchte ein Puzzlespiel sein, das das gesamte Dasein bezeugt. Zwei Spiele, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten und die sich dennoch an einem gemeinsamen Thema abarbeiten. Was heißt es, die Welt zu beobachten und darin Erkenntnis oder Schönheit zu finden? In ihren Landschaften und Mechaniken antworten die Spiele mit gegensätzlichen Philosophien.
Da bei der WASD-Lektüre auch die richtige Stimmung wichtig ist, gibt es hier ein wenig Anschauungsmaterial für eine geeignete Atmosphäre:

Leseatmosphäre


TinCon – Science Slam


Die TinCon ist eine schöne, neue Convention für Jugendliche in Berlin. Vom 27. bis zum 29. Mai gab es dort massenweise Vorträge und Workshops zu Netzkultur, Gesellschaft und Politik. Darunter auch ein Science Slam bei dem ich mitgewirkt habe. Mein Thema war – wie bei einem vergangenem Slam in 2015 – die Definition(en) von Games. Reinhören in den gesamten Slam kann man hier:




Here|There – Missverständnis ›Walking-Simulator‹


Wo wir schon bei der Definition von Computerspielen sind: So genannte ›Walking-Simulator‹ werden ja gerne von richtigen™ Games abgegrenzt. Ein Vorgehen, mit dem ich mich ungern zufrieden gebe. Im Rahmen der Ringvorlesung Here|There am Kunst- und Mediencampus Hamburg, habe ich mich daher daran versucht, den gemeinen ›Walking-Simulator‹ genauer unter die Lupe zu nehmen und in etablierte Spieldefinitionen zu integrieren:
Der derogativ gebrauchte Begriff »Walking-Simulator« weist in seiner Unbeholfenheit bereits auf eingeschliffene Grundannahmen über Computerspiele hin: Sie haben zwingend aktive Handlungen – zumindest das Gehen – zum Kern und simulieren die dafür notwendigen, physikalischen und geometrischen Bedingungen. Dass diese Charakterisierung zu kurz greift, zeigen immer mehr Games, die sich – ganz oder teilweise – bewusst an Passivität und rein ästhetischen Erfahrungen abarbeiten. Ihr Status als »richtige« Computerspiele wird aus diesem Grund jedoch regelmäßig angezweifelt. Mit Hilfe der Neuen Ästhetik sowie Theorien aus der Theaterwissenschaft, möchte der Vortrag einen anderen Zugang zu Walking-Simulatoren ermöglichen, der ihre Transgressionen nicht kategorisch ausschließt, sondern in etablierte Definitionsansätze integriert.
Der Vortrag wurde auch auf Video aufgezeichnet. Sobald das Material veröffentlicht wird, werde ich es teilen. Bis es soweit ist, muss man sich mit Augenzeugenberichten begnügen oder kann sich schonmal durch meine Vortragsfolien klicken:




International Games Week


Die International Games Week vom 18. bis zum 24. April in Berlin war auch in diesem Jahr wieder der absolute Input-Overkill. Während ich auf dem A MAZE.-Festival noch relativ entspannt passiv konsumieren konnte, war ich auf den anderen Veranstaltungen fest aktiv eingebunden. Auf dem researching games BarCamp hielt ich etwa zusammen mit Eric Jannot einen kurzen Impulsvortrag zur Darstellung von Armut in Computerspielen. Ein Thema, dem ich mich in der Vergangenheit schon gewidmet habe und das wir demnächst noch mehr beackern wollen. Außerdem durfte ich im Rahmen des Gamefest am Computerspielemuseum ein Filmprogramm zum Thema ›Virtual Reality & Beyond‹ kuratieren. Spätestens nach dem mehr als dreistündigen Filmmarathon mit Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht, war das eine spannende aber auch anstrengende Angelegenheit…


Breitband – Rust


Rust ist ein Spiel, bei dem ein Haufen nackter Menschen um's Überleben kämpft und sich dabei in bester, sozialdarwinistischer Tradition das Leben gegenseitig zur Hölle macht. Angeheitzt wird der schreckliche Naturzustand dadurch, dass die Spielenden mittlerweile ihre Hautfarbe, ihr Geschlecht und ihre Penislänge per Zufall zugewiesen bekommen. Eskalation! Im Deutschlandradio Kultur habe ich in der Sendung Breitband über die Faszination von Rust und die fragwürdigen, sozialen Experimente der Entwickler gesprochen:
Beim Multiplayer-Survival-Spiel Rust hat es ein neues Update gegeben, bei dem der Spieler nicht selbst entscheiden kann, welches Geschlecht seine Spielfigur hat. Das Game entscheidet anhand der Steam-ID, ob die Spielfigur männlich oder weiblich ist. Wie beeinflusst dieser Mechanismus das Spiel und den Spieler? Wird das Game so zu einer Art sozialem Experiment? Und was versprechen sich die Entwickler davon? Darüber sprechen wir mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Christian Huberts.
Reinhören kann man hier:




April, April!


Für alle die es immer noch nicht mitbekommen haben: Mein neues Buchprojekt war natürlich ein Aprilscherz! Bei den vielen Rezensionsanfragen, die bei mir eingetrudelt sind, scheint aber durchaus interesse an Ludische Flatulenz zu bestehen. Also sollte sich noch ein Verlag mit einem lukrativen Angebot bei mir melden, wird dieses Bild vielleicht doch noch Realität:

Warum ich Computerspiele hasse


Zeit Online – Deutscher Computerspielpreis


Jedes Jahr wieder: Der Deutsche Computerspielpreis. Und obwohl ich sehr gut finde, dass es ihn gibt, kann ich nicht anders, als regelmäßig meinen Senf dazu zu geben. Für Zeit Online habe ich mir also im Vorfeld die Nominierungen angeschaut und Kritik am mangelnden Mut des Preises geübt:
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es ist gut, dass es den DCP gibt. Besonders für kleine, unabhängige Entwicklungsstudios kann er neben Anerkennung auch finanzielle Mittel für mutigere Projekte mit sich bringen. Aber auch im achten Jahr seines Bestehens ist nicht mit großen Überraschungen zu rechnen. Akzente setzt der DCP nach wie vor nicht.
Da die Gala diesmal wieder in München stattfand, konnte ich leider nicht vor Ort sein, um eine Runde Buzzword-Bingo zu spielen. Aber wofür hat man einen Live-Stream und Twitter?


More Than Games – Ideologien im Computerspiel


Im Januar hat mich der AStA der Universität Kassel zur Veranstaltung More Than Games eingeladen. Dort habe ich über Ideologie in Computerspielen geredet:
Die Vorstellung von Spielen als unernste, ideologisch neutrale Gegenstände der reinen Unterhaltung hält sich hartnäckig. Dabei haben sie ihre Wurzeln schon immer im Ernst – seien es religiöse Rituale, politische Prozesse oder kriegerische Konflikte. Und auch die Erschaffer von Spielen sind zwingend Teil sozialer, ökonomischer und historischer Zusammenhänge. Spielregeln erschaffen Spielwelten und damit also stets auch (Spiel-)Weltanschauungen. Computerspiele können daher gar nicht nicht politisch sein, weil ihnen immer Ideologie zugrunde liegt. Das zeigt sich insbesondere in ihrem Umgang mit gesellschaftlichen Stereotypen, der unbewussten Reproduktion wirtschaftlicher Systeme, aber auch in ihrer grundlegenden Nachbildung und Neuerfindung der Realität unter dem Diktat der Digitalität.


heute+ – 20 Jahre Pokémon


Pokémon again. Die Taschenmonster sind nun schon seit 20 Jahren Massenphänomen, popkulturelle Ikonen und finanzielles Zugpferd von Nintendo. Für heute+ war ich auf dem JapanFestival in Berlin unterwegs und habe ein paar Fragen zu den Pokémon beantwortet:
Fangen, tauschen, kämpfen: Seit 20 Jahren begeistern die Pokémon mit diesen Prinzip ihre Fangemeinde in sämtlichen Formen und Farben. Ob als Spiel oder im Kino: Pikachu und Co sind nicht totzukriegen.


Die Deutsche Bühne – machina eX


Ok, bis zum Theaterexperten ist es wohl auch nicht mehr weit. Für das Theatermagazin Die Deutsche Bühne habe ich das Game-Theaterkollektiv machina eX portraitiert:
Am Anfang von machina eX steht nicht etwa die Revolution des Theaters durch digitale Spiele, sondern ein naiver Wunsch: „Wir wollen Computerspiele in echt machen“, sagt Philip Steimel, Gründungsmitglied der Gruppe. Eine Verbindung zum Theater ist jedoch schnell gefunden. „Gerade Point’n’Click-Adventures haben in ihrer Ästhetik bereits Anlagen von Bühne und Kammerspiel“, so Steimel. Im Adventure-Genre können die Spielenden – meist über das Klicken mit dem Mauszeiger – die Spielwelt manipulieren und so das Fortschreiten der Narration bewirken. Eine Übertragung der Dramaturgie von Point’n’Click-Adventures auf die Theaterbühne liegt nahe und wird 2010 – im Rahmen einer studentischen Abschlussarbeit am Institut für Medien und Theater der Universität Hildesheim – zur Realität. „Maurice“, das erste theatrale Game der Gruppe, macht das Publikum zum Cursor.


Zeit Online – That Dragon, Cancer


2016 ist bereits zur Halbzeit ein großartiges Jahr für Computerspiele. Einen ebenso starken wie berührenden Start stellte schon im Januar That Dragon, Cancer dar. Dem intimen, biografischen Game über ein krebskrankes Kleinkind habe ich einen ausführlichen Text auf Zeit Online gewidmet:
Ein Kind stirbt an Krebs und man kann nichts dagegen tun. That Dragon, Cancer ist kein leicht zu konsumierendes Computerspiel und gleichzeitig ein stiller Hoffnungsträger für die Zukunft des Mediums. Es hebt sich von den meisten anderen Games ab, wie ein Requiem von Karnevalsmusik. Die Drachen, die hier bekämpft werden, sind realer und schrecklicher als gewohnt.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Nein zu Sex in Computerspielen

Zum Release der WASD #9 ein Text-Klassiker: Sex in Games. Oder besser: Kein Sex. In Computerspielen. Hier mein Rant aus der WASD #7:


Richtig schlechter Sex

von Christian Huberts

Hätten Game-Designer ähnlich viel Aufmerksamkeit in Sex wie in Gewalt investiert, gäbe es heute vielleicht ein vielfältiges und anregendes Angebot an digitalen Fickspielchen. So bleibt jedoch einfach nur eine endlose Abfolge peinlicher und entwürdigender Sexunfälle, die jedes schüchterne Erste Mal im Meatspace zum Edelporno adeln.


Das Einzige, was ich beim Sex in Computerspielen hochkriege, ist meine Highscore. Point-Poppen. Wer am schnellsten rüttelt hat gewonnen. Wie bei Sex Games auf dem C64. Rund dreißig Jahre später hat sich der Sex im Computerspiel leider keinen Deut weiterentwickelt. Selten wurde eine so zentrale, menschliche Verhaltensweise ähnlich fantasielos in digitalen Spielen umgesetzt. Ficken nach Zahlen. In einem Song von Genesis singt Peter Gabriel (bevor sie ihn aus der Band geworfen haben):
I’m counting out time,
Got the whole thing down by numbers.


All those numbers!

Give me guidance!


O Lord I need that now.

Sex im Computerspiel wurde auf ein Timing-Problem für unsichere Gamer heruntergekocht. Rein. Zwo. Drei. Vier. Raus. Zwo. Drei. Vier. So auch in Quantic Dreams Fahrenheit, dessen fremdbeschämende Sex-Szenen nur noch von freischwebenden Kung-Fu-Kämpfen unterboten werden. In bester Pick-Up-Manier wird da die Ex zum Beischlaf verführt, nachdem man sich kurz vorher noch das Blut von den Mörderhänden gewaschen hat. Und dann ab in die Missionarsstellung mit kanadischem Kuschelrock auf den Ohren und sanft vibrierendem Joypad in den Händen. Rumble-Rammeln. Ein Walkthrough ist hier überflüssig. Der Akt erklärt sich von selbst. Analog-Stick nach vorne und wieder zurück, weil so läuft’s doch, oder? Oder? *nervöses Kichern* Alles nach Plan, kein Risiko, keine Spontanität, keine Experimente, keine Fantasie. Sex als Spielmechanik sagt doch schon alles darüber aus, was Sex in Computerspielen eigentlich ist: Mechanik.
Look! I’ve found the hotspots, Figures 1–9.

– still counting out time, I’ve got my finger on the button,

»Don’t say nuthin’ – just lie there still now

And I’ll get you turned on just fine.«
Wenn ich dann die weibliche Hauptfigur von Fahrenheit übernehme, darf ich gleich ganz passiv beim Sex bleiben. Weil nur richtige Kerle wissen, wie man die Knöpfe ordnungsgemäß drückt. Ist doch so?! *BROFIVE* Wie der Kriegsgott Kratos aus God of War. Nichts ist unerotischer, als ein QTE-Quickie mit barbusigen Griechinnen. Selbst wenn ich mich auf etwas anderes als den nächsten Tastendruck konzentrieren könnte, würde ich doch nur eine eher ungeile Vase sehen, die vom Tisch fällt. Ein Sexgott ist Kratos nicht, gemessen an diesem verschämten Button-Gebumse. Die einzigen Fantasien die hier aufkommen, handeln von maskuliner Dominanz, Kontrolle und Player-Potenz. Wer ist bitteschön die Zielgruppe für dieses lahme NPC-Penetrieren? Ach ja! Wenn das Hardcore ist, dann entscheide ich mich lieber und immer wieder gerne für den unbeholfenen, ersten Casual-Koitus im RL. Meine Faustregel für schlechte (Sex-)Spiele: Wenn sie genauso gut oder besser von einer Maschine erledigt werden könnten, dann taugen sie nichts. Minigame-Rumgemache ist etwas für Bots. Sex optimiert man nicht wie einen Speedrun. Sex ist ein Dialog, in dem man gemeinsam mit den Partner*innen herausfindet, welche Perversionen eine Chance auf Umsetzung haben und wie man mehr als die Nintendo-Daumen in Wallung bringt. Denn menschliche Leidenschaft geht immer erst den Umweg über die Anderen, kann nicht geplant oder kontrolliert werden, darf überraschend sein und manchmal auch enttäuschen. Still better sex than God of War!
I’m counting out time, reaction none too happy,

Please don’t slap me,

I’m a red-blooded male and the book game said I could not fail.
Da lobe ich mir die prüden Filmsequenz-Ficks aus Dragon Age und Co. Dort muss ich nichts bedienen oder beweisen und habe obendrein die Hände frei. Wenn ich nur zugucken darf, ist endlich dieser unerträgliche Gamer-Narzissmus durchbrochen. Die egozentrische Überkompensation aller unerfüllten Wünsche ist das Metier des Pornofilms und wir wissen ja, wie scheiße die Übertragung in die Realität meist abläuft. Ich will gar nicht versichert bekommen, wie spektakulär ich im virtuellen Verkehr sein kann. Ich bin schon die geilste Sau, wenn ich den anderen Göttern kräftig den Hintern versohle. Kein AAAnalsex notwendig. Warum reden wir nicht einfach nur mal ein bisschen miteinander, Computerspiel? Das wäre doch nett. So finden wir heraus, was wir eigentlich voneinander wollen, experimentieren ein bisschen rum und lassen das im Zweifelsfall einfach mit dem schlechten, virtuellen Vögeln. Vielleicht ist es mit Sexspielen ja ganz einfach wie mit Kriegsspielen: »The only winning move is not to play!«

Freitag, 1. April 2016

[UPDATE: Aprilscherz] »Computerspiele sind heiße Luft!« – Mein neues Buchprojekt steht kurz vor der Veröffentlichung

Yeah, ich bin super happy! Seit Monaten nutze ich jede freie Minute, um mein neues Buchprojekt voranzutreiben. Alles unterhalb des Radars, weil ich mir damit sicher keine Freunde mache. Jetzt steht die Veröffentlichung jedoch unmittelbar bevor. Heute lag schon der erste Probedruck vom Verlag im Briefkasten:


Warum ich Computerspiele hasse und sie alle verbieten möchte

Klappentext:


Ein ehemaliger Daddel-Fan packt aus! Schonungslos zerstört der rennommierte Kulturwissenschaftler Christian Huberts den Mythos des "Kulturguts" Computerspiel. Die Lügen einer geldgeilen Industrie werden ebenso entlarvt, wie die moralische Armut der selbstausbeuterischen "Kreativen". Um mitreden zu können, muss man dieses Buch gelesen haben: Gaming – das ist nichts als heiße Luft!


Warum ich Computerspiele hasse und sie alle verbieten möchte
Christian Huberts (2016) Ludische Flatulenz:
Warum ich Computerspiele hasse
und man sie alle verbieten sollte
München: Doener; Hardcover; 1138 Seiten
ISBN 978-3-31337-081-5; 39,95 EUR

Erstes Feedback:


»Absolute, komplette […] empfehlenswert!«
– Öffentliche Stellungnahme des Bundesverbands Immersive Unterhaltungsmedien (BIU e.V.)

»Muss man wissen!«
– Online-Kommentar von User Aldebaran4Life

»I couldn't accomplish what Chris has created with the concept of ludic flatulence. It's sublime and it's perfect. Game studies are over!«
– Tweet von Liam Bogost

»Ich hätte es nicht besser schreiben können! Streng und fundiert geht der Autor mit der asozialen Branche in's Gericht. Vor allem Eltern und Kindern erweist er damit einen wichtigen Dienst.«
– Online-Kommentar von User Dr_S


Ich wünsche eine spannende und inspirierende Lektüre! Ab dem 31. April ist das Buch in gut sortierten Buchhandlungen käuflich zu erwerben. Rezensionsexemplare können bei mir angefordert werden. Besonderer Dank geht an Anita, Manni und das KFN – ohne Euch wäre das alles nicht möglich gewesen!

Montag, 28. Dezember 2015

Working-Simulator. Endzeit 2015.

Jahresendzeit. Zeit für Rückblicke. Ich spare mir die erste Hälfte des Jahres und gehe gleich zur zweiten über. Und die war mal wieder ziemlich voll mit neuen Projekten, Texten und Veranstaltungen. Bei so viel Arbeit muss es sich bei meinem Leben sicher um einen Working-Simulator handeln! Oder doch nur passive Präsenz in einer intensiven Arbeitsatmosphäre? Entscheidet selbst:


Piqd


Seit November diesen Jahres filtert das Medien-Startup piqd das Internet nach lesenswerten Texten. Das Experten-Portal versteht sich als Gegengift zur immer unübersichtlicher werdenden Online-Journalismus-Landschaft und gegen die ewig drohende Filterblase. Und ich bin als Games-Experte mit an Bord! Hier kann man reinschnuppern, was piqd so pickt:




Science Games


Ein weiteres Projekt an dem ich als Autor teilhabe ist Science Games. Das Portal sammelt Computerspiele, die sich mit Wissenschaft auseinandersetzen, wissenschaftliche Prinzipien transportieren und sich journalistisch oder pädagogisch einsetzen lassen. Geschrieben habe ich bislang etwa über SpaceChem, Fate of the World und Kerbal Space Program:
Mit Hilfe des intuitiven Editors ist die rudimentäre Kommandokapsel schnell mit einem kleinen Feststofftriebwerk sowie einem lebensrettenden Fallschirm ausgerüstet und die erste Rakete somit startklar gemacht. Diese tritt Dank der realistischen Physiksimulation des Spiels zwar schon nach wenigen Kilometern den sicheren Rückweg zum Boden an, die gesammelten Forschungsdaten und ersten Prämienzahlungen lassen sich aber in neue Raketenteile und bessere Startbahnen, Konstruktionshallen und sonstige Gebäude des Raumfahrtbahnhofs auf Kerbal investieren. Die nächste Rakete kratzt dann bereits am Ende der Atmosphäre und fällt anschließend wie ein Stein nach unten. Zu schnell für den Fallschirm. Kawumm.


ARTE Journal


Dans un instant: Le puissant scientifique culturelle. Im ARTE Journal durfte ich als Experte einen Satz zur schwierigen Umsetzbarkeit einer ohnmächtigen Flüchtlingssituation im ermächtigenden Computerspiel loswerden:



Next Level Conference 2015


Auch in diesem Jahr fand im Dortmunder U die Next Level Conference statt. Ich war als Panelist (und spontan als Moderator) zum Thema »Atmosphäre in Games« eingeladen:
Die meisten Games leben von der Atmosphäre. Doch was macht diese aus? Neben Musik, Farbgebung, grafischer Gestaltung und dem Gameplay tragen auch die Welt und die in ihr lebenden Spielfiguren zur Rezeption der Spieler bei. Welche Aspekte sind hierbei bei der Erstellung von Spielen wichtig und wie unterscheidet sich das Game von anderen passiven Medien?


WASD #8


1 neue WASD ist da! Und Ausgabe #8 ist 1 perfekte Last-Minute-Geschnek mit Herz zu X-mas:
Aber Spaß beiseite, natürlich geht es auch im aktuellen Bookazine ernst zur Sache. Das Thema ist schließlich »Freiheit«. Roman Lehnhof kritisiert die mangelnde Konsequenz linker Gaming-Initiativen, Jan Fischer stalked NPCs in Venedig, Benedikt Frank sucht vergeblich nach freien Computerspielen, Rainer Sigl vergleicht Open-Worlds mit All-Inclusive-Pauschalurlauben, Philipp Sickmann berichtet über das problematische Verhältnis von psychischen Zwangsstörungen und Games und Michael Schulze von Glaßer warnt vor digitalen Spielen als Überwachungsinstrument. Mein Text handelt derweil davon, wie der Allgemeinplatz »kreative Freiheit« allzu oft dafür missbraucht wird, um Kritik pauschal abzuwehren:
Wie einen Gegenstand aufgrund seiner angeblichen Schaffenskraft von Widerspruch ausnehmen, wenn der Kern der Kritik doch gerade der Hinweis auf das unreflektierte Wiederholen längst etablierter Muster ist?


Clash of Realities 2015


Im November stießen in Köln mal wieder Realitäten aufeinander. Im Rahmen des Film & Games Summit des Clash of Realities habe ich einen Vortrag über »Acting Storyworlds« gehalten:
Since their early beginnings, video games made use of rudimentary storyworlds to provide orientation and goals to the players. With growing technical possibilities, this narrative worlds get ever more detailed and move from the periphery to the center of games. Where the actions of the players can get in conflict with a character- or plot-driven story, storyworlds allow freedom of action while avoiding ludonarrative dissonance. An increasing number of video games go so for as to lay their focus completely on „diegetic machine acts“ (Alexander R. Galloway). The players become visitors of autonomous worlds and are invited to be present in rich spatial narratives and atmospheres. The talk wants to give a brief historic summary of this development of storyworlds in video games and provides a theoretical basis for describing them.
Im Anschluss fand ein Panel statt, in dem ich mit Csongor Baranyai, Johannes Kristmann und Emmanuel Guardiola über Storywelten in Film und Computerspiel diskutiert habe:


ZEIT ONLINE – The Beginners Guide


Für ZEIT ONLINE schrieb ich über Davey Wredens autobiografisches Experiment The Beginner's Guide:
The Beginner’s Guide zeigt, wie Spielregeln und Level-Architekturen genutzt werden können, um Figuren zu charakterisieren und die Persönlichkeit ihrer Schöpfer sichtbar werden zu lassen. Aber es ist auch eine Parabel darauf, wie Deutungsmacht zum zerstörerischen Selbstzweck wird. Wo sich Kreative in ihrem Werk persönlich offenbaren, machen sie sich verletzbar. Der fiktive Wreden des Spiels macht mit Coda, was seine Fans und Kritiker mit dem realen Wreden gemacht haben: Der Schöpfer verliert die Deutungshoheit über seine Schöpfung.


B3 Biennale


In Frankfurt am Main fand in diesem Jahr zum zweiten mal die B3 Biennale des bewegten Bildes statt. Man beachte vor allem meine wirklich kurze Kurzbiografie: »Medienwissenschaftler«. Hier wird nicht lange gefackelt. Eingeladen wurde ich als Diskutant und Keynote-Speaker zum ziemlich sperrigen Thema »Was ist das Wesen, was ist der Kern, was ist die Faszination der Bewegtbild-Medien Game und Film? Was können sich andere Branchen davon abschauen?«. Am Ende war ich dann doch etwas verloren, weil sich zumindest der Interessenkern der Initiatoren und Mitdiskutanten schnell ausmachen ließ: Geld.


Vorband - Rose Tyler


Wo wir schon bei Geld sind: Mit diesem Wissenschafts- und Kulturvermittlungs-Quatsch werde ich voraussichtlich nicht reich. Daher fahre ich seit langem zweigleisig und pushe fleißig meine Career als Actor. Für meinen guten Freund Martin Spieß und sein Solo-Projekt Vorband durfte ich für ein Musikvideo in meine bislang anspruchsvollste Rolle schlüpfen und aus dem Vollen des Method Actings schöpfen:


Ab jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich für die nächste, große Bibel-Verfilmung gecasted werde:

Zeugen Hubertus


Generation Games


Das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes veranstaltete nun schon zum dritten mal die Konferenz Generation Game mit dem Slogan »Reden wir endlich über Spiele« statt. Dieses im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Ich war – wie üblich – für ein wenig Kulturkritik zuständig und habe die Gäste der Veranstaltung auf die möglichen Gefahren der Gamification aufmerksam gemacht und zur Alphabetisierung mit prozeduraler Rhetorik gemahnt. Anschließend wurde diskutiert:


Elektrischer Reporter – Episodengames


Yay, Fernsehen! Dem elektrischen Reporter habe ich ein paar Fragen zu episodischen Computerspielen beantwortet:



ZEIT ONLINE – Gleitmedium Computerspiel


Für ZEIT ONLINE schrieb ich darüber, dass Computerspiele längst noch nicht das Leitmedium sind, dass sie gerne sein wollen:
Computerspiele sind ein Mittel, um die Präsenz in und den Einfluss auf komplexe Regelsysteme zu kommunizieren. Eigentlich ideal für die Herausforderungen einer digital vernetzen Menschheit."Heute kann das Massenpublikum als kreative, teilhabende Kraft eingesetzt werden", schreibt McLuhan, "aber man setzt ihm Fertigprodukte zur passiven Unterhaltung vor." Anders gesagt: Damit digitale Spiele zum Leitmedium des 21. Jahrhunderts werden, müssen sie zunächst das 20. Jahrhundert hinter sich lassen.


Play15


Nach meinem ersten Besuch auf dem PLAY-Festival, bedauere ich es, nicht auch schon in den letzten Jahren mit dabei gewesen zu sein. Die PLAY15 war ein großer Spaß! Ich war eingeladen um einen Workshop über die verschiedenen Zugänge zu Computerspielen zu halten. »Wahrnehmen oder Handeln?«:
Computerspielen versetzt Spieler*innen oft in einen Flow-Zustand. Wenn die Balance zwischen Herausforderung und Langeweile perfekt gehalten wird, bleibt die Immersion in die digitale Welt bestehen. Die Spielenden gehen im Takt des Spiels auf. Doch was geschieht, wenn sie sich dem Sog der Interaktion widersetzen, wenn sie wahrnehmen statt handeln? Durch die virtuelle Umgebung spazierend, erscheint ein Spiel wie Grand Theft Auto plötzlich in einem ganz anderen Licht. Der Kulturwissenschaftler Christian Huberts geht in diesem Workshop der Frage nach, für welche Form des Spielerlebens die Begriffe Atmosphäre und Flow stehen.

PLAY ConferenceWorkshop "Wahrnehmen oder Handeln?" mit Christian Huberts
Posted by PLAY - Festival für kreatives Computerspielen on Freitag, 18. September 2015


Anschließend wurde ich kurz zu meinen Thesen interviewed und war zu Gast in der PLAY Show mit dem Thema »Mit Gefühlen spielen«:

PLAY REDENChristian Huberts spricht über Atmosphäre in und beim Spielen #PLAYShow
Posted by PLAY - Festival für kreatives Computerspielen on Freitag, 18. September 2015




Spielung: Krieg im Spiel und im Film


Noch bis Januar nächsten Jahres läuft die Sonderausstellung Film und Games im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main. Ein Besuch lohnt sich! Ich war kurz dort, um eine Spielung der Stiftung Digitale Spielkutur zu moderieren. Zusammen mit dem Game-Designer Jörg Friedrich sowie den FIlmwissenschaftlern Marcus Stiglegger und Andreas Rauscher wurden sowohl der Film Apocalypse Now als auch das Spiel Spec Ops: The Line in Auszügen vorgespielt und anschließend miteinander verglichen. Das Thema: »Faszination des Grauens. Die Ästhetik des Krieges im Film und im digitalen Spiel.« Da die Veranstaltung live gestreamed wurde ist sie vollständig auf Vimeo verfügbar:



Puls/Zündfunk – Walking-Simulatoren


Depublikation ist Scheiße! Daher kann ich nur sehr grob in die Richtung eines Radio-Beitrags über so genannte Walking-Simulatoren deuten, in dem ich mit ein paar O-Tönen vertreten bin. Der Bericht lief sowohl bei PULS als auch im Zündfunk des Bayrischen Rundfunks. Dank öffentlich-rechtlichem Wahnsinn ist jedoch nur noch die PULS-Version – gut versteckt und nicht einzubetten – hier nachzuhören.


tagesschau.de – Was hat sich seit #Gamergate getan?


Tagesschau.de wollte etwas zu #GamerGate machen und hat sich unter anderem bei mir O-Töne abgeholt. Der Artikel ist solala geworden aber bekloppte Twitter-Mentions von Gater-Randos gabs natürlich dennoch.
Eigentlich sollten Gamer glücklich sein. Sie sind endlich akzeptiert, kulturell und gesellschaftlich. Die Diskussion um #Gamergate führt genau in die andere Richtung. Die meisten Kritikpunkte haben sich mittlerweile erledigt. Manche Games haben sich zusammen mit den Gamern weiterentwickelt. Huberts meint, dass allein der mobile Markt viele neue Gamer in den Markt gebracht hat. "Der Markt und die Bedürfnisse des Markts ändern sich", sagt er. Allerdings seien viele Spiele in seinen Augen noch nicht konsequent genug umgesetzt. Die Spiele werden immer unterschiedlicher, die Spieler auch. Eine breite, öffentliche Diskussion kann nicht schaden.


ZEIT ONLINE – Saftladen


Für ZEIT ONLINE schrieb ich über das berliner Indie-Kollektiv Saftladen:
"Wir haben alle Bock darauf, nicht nur einfach starr auf das eigene Computerspiel zu blicken, sondern auch das gesamte Medium weiterzubringen", sagt Djemili. Die Arbeit im Kollektiv ist ein idealer Inkubator für neue Ideen. Das Risiko ist auf viele Schultern verteilt und das kritische Feedback nur einen Schreibtisch weit entfernt. Wo in großen Teilen der Gaming-Branche gerne auf Bewährtes gesetzt wird, ist der Indie-Bereich längst zum experimentellen Hoffnungsträger geworden.


gamescom 2015


Die gamescom 2015 war mal wieder ein Klassentreffen der Buzzwords (daher auch das WASD-Buzzword-Bingo). Aber zumindest konnte man wieder definitiv feststellen, dass »Computerspiele nun endlich erwachsen geworden sind« und »Virtual Reality sicher das nächste große Ding wird«:
Neben einem kurzen O-Ton bei der Süddeutschen Zeitung, würde ich gerne noch auf ein paar Radiobeiträge verweisen, in denen ich schlaue Dinge über die kulturelle Bedeutung von Computerspielen sage. Die sind aber leider schon depubliziert. Vielen Dank auch.

Der eigentliche Grund für meinen Ausflug nach Köln war jedoch der gamescom congress. Hier saß ich in zwei Panels, deren Titel der Mutterveranstaltung in Sachen Buzzwords in nichts nachstanden: »Mit digitalen Spielen vom Ausspiel-Kanal zur echten Medienkonvergenz: Games go Literatur, go Journalism, go Games« und »Games in der Post-Moderne: die neue Aufklärung, das neue Leitmedium in einer hochkomplexen, globalisierten Welt?«. 30 Minuten. Diskutieren. Jetzt!


The End?


Nö.

Ich wünsche allen meinen Freunden, Kollegen und Auftraggebern schöne Feiertage und einen guten und erfolgreichen Übergang in das Jahr 2016. Wir sehen uns bestimmt wieder!

Dienstag, 11. August 2015

WASD #2: (Spiel-)Weltanschauungen

Sommerloch-Zeit ist Klassiker-Zeit! Diesmal mein erster Text für die WASD aus der Ausgabe Nr. 2, der auch mal kurz auf der alten WASD-Homepage zu finden war, dann jedoch einem Relaunch zum Opfer fiel. Hier nun also Abkühlendes zum Thema Ideologie in Computerspielen:


(Spiel-)Weltanschauungen

von Christian Huberts

Spielregeln erschaffen Spielwelten und damit stets auch (Spiel-) Weltanschauungen. Computerspiele können also gar nicht nicht politisch sein, weil ihnen immer Ideologie zugrunde liegt.

Die Mission „Oil Fix It“ von Fate of the World hätte eigentlich kein großes Problem werden dürfen. Man muss „nur“ – mit genug Öl in der Reserve – bis zum Jahr 2080 durchhalten und weltweit den Lebensstandard auf ein solides Niveau bringen. Leider ist Indien dabei ein Flaschenhals. Die ökologischen, ökonomischen, sozialen und politischen Probleme des Landes lassen sich kaum in 60 Jahren lösen. Was in späteren, vermeintlich schwereren Missionen ein realistisches Ziel darstellt – schließlich hat man einige Jahrzehnte mehr Zeit dafür –, scheint mir hier fast unmöglich zu sein. Habe ich „unmöglich“ geschrieben? Nun, es gibt da eine recht simple Lösung: Einfach die „Gene-Plague Alpha“ auf den indischen Subkontinent loslassen und den Großteil seiner Bewohner damit ausrotten. Weil nun fast alle Inder tot sind, ist Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit und Säuglingssterblichkeit kein großes Ding mehr. Der weltweite Lebensstandard steigt. Problem gelöst. Mission gewonnen.

Fate of the World mag ein Serious Game sein, der kalkulierte Genozid an der indischen Bevölkerung erinnert jedoch eher an ein „Killerspiel“. Die Entwickler von Red Redemption haben wohl versäumt, den komplexen globalen Algorithmus ihres Spiels auf die kurze Dauer der zweiten Mission ihres Spiels anzupassen. Denn die Agenda von Fate of the World ist eigentlich eine andere: Auf die Problematik des Klimawandels und mögliche Lösungsstrategien aufmerksam machen – mit allen ökologischen Fallstricken und weltpolitischen Sackgassen. Dabei liefert das Spiel keine objektive Sicht auf unsere Welt, sondern stützt sich auf die Forschungsergebnisse des Oxford-Professors Myles Allen. Sein wissenschaftliches Weltbild ist es, das wir als abstrahiertes, algorithmisches System vorgesetzt bekommen und spielerisch konfigurieren müssen. Andere Meinungen zur Existenz oder den Folgen des Klimawandels stehen erst gar nicht zur Debatte. Spielregeln sind Ideologie, um so mehr, wenn man sie mit realweltlichem Inhalt ausschmückt. Doch in der Verknappung von Spielvariablen und Erfolgsbedingungen wird aus harmloser prozeduraler Rhetorik – wie der Medienwissenschaftler Ian Bogost die Überzeugungsstrategien des Computerspiels nennt – schnell eine ideologische Weltanschauung, die auch einen Genozid duldet.

Auch die Civilization-Serie gilt allgemein als pädagogisch wertvoll und steht nicht im pauschalen Verdacht, das Abendland zu zerstören. Das sie jedoch eine Ansammlung rassistischer Stereotypisierungen und abendländischer Geschichtsverzerrung ist, fällt den Spielerinnen und Spielern im reibungslosen „Noch eine Runde!“-Flow nicht mehr so schnell auf wie noch bei Fate of the World. Ganze Völker werden hier unter charakterisierende Variablen zusammengefasst – etwa „aggressiv“, „expansionistisch“ oder „kommerziell“. Andere hingegen werden gleich ganz zum Völkermord freigegeben. Laut der „Civilopedia“ von Civilization IV sind „old-style hunter-gatherers“ nämlich aggressive Barbaren: „they must be destroyed - before they destroy you!“ Man kann keine Diplomatie mit ihnen betreiben und ihre KI ist eingeschränkt – auf spielmechanischer Ebene ähneln sie Wölfen, Bären & Co. Die Dörfer der „barbarians“ heißen dabei beispielsweise „Cherokee“, „Apache“ und „Ainu“. Völkermord an primitiven Kulturen ist anscheinend – schenkt man den Spielregeln von Civilization Glauben – kein Problem für Firaxis, es sind ja schließlich keine großen, sesshaften Zivilisationen, sondern lediglich wilde, nomadische Tiere.

Aber nicht nur rassistische Ideologie ist in Spielsystemen codiert: Warum sind unsere „Sims“ eigentlich nur glücklich, wenn wir immer mehr Geld und materielle Besitztümer anhäufen? Robin Burkinshaw, ein Game-Design Student aus England, hat versucht, The Sims 3 als obdachlose Kleinfamilie – Vater und Tochter – zu spielen beziehungsweise von der KI des Spiels kontrollieren zu lassen. Alice und Kev schlafen auf Bänken, klauen Essen und suchen verzweifelt nach menschlicher Nähe, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig anschreien. Glücklich sind sie nie, dazu fehlen ihnen ein eigenes Heim und ausreichend „Simoleons“, die offizielle Währung von The Sims. Kapitalismus pur. Mehr ist immer gleich besser, ebenso in Civilization. Entgegen historischer Zusammenhänge folgt Geschichte hier einer präsentistischen Ideologie: Die Beste aller möglichen Zeiten ist stets die Gegenwart und überhaupt sind Fortschritt und Zivilisationsprozess das Maß aller Dinge. Ein produktives „Weniger“ oder ein balancierendes „Zurück“ gibt es nicht. Der definierte Zielzustand des Regelsystems drückt dem Computerspiel unweigerlich eine auf Steigerung und Anhäufung basierende Weltanschauung auf. Die passenden Stereotypen folgen auf dem Fuß: Hier die glückliche Mittelstandsfamilie, dort die stinkenden Penner. Hier die reiche, kultivierte Zivilisation, dort die aggressiven, kulturlosen Wilden. Ganz wie in der Realität – vermeintlich.

Computerspiel bilden nicht die Realität ab – das wollen und schaffen nur die wenigsten digitalen Spiele. Vielmehr dienen die – leider etablierten – „realistischen“ Stereotypen als Hilfsmittel, um komplizierte Spielregeln möglichst schnell verständlich zu machen. Der Medienwissenschaftler Claus Pias bezeichnet das als „Produktion von Übergangswahrscheinlichkeit“. Leicht durchschaubare Prinzipien helfen uns dabei, komplexe Systeme einfach nachvollziehbar und damit intuitiv nutzbar zu machen. Wenn wir in einem beliebigen Beat‘em Up mehr auf Agilität als auf Robustheit abfahren, liegen wir mit einem weiblichen Charakter meist genau richtig. Und Menschen mit Turban sind auf modernen Schlachtfeldern quasi sofort zum Abschuss freigegeben. So sagt uns zumindest die Erfahrung. Und ja, das ist sexistisch und rassistisch, aber es funktioniert. Populäre Ratgeber zu Game-Design empfehlen darum explizit den Gebrauch von Klischees. So Scott Rogers in Level Up! – The Guide to Great Video Game Design: „Stereotypes are stereotypes for a reason: They're easy for the viewer to understand. Don't be afraid to use them.“

Warum aber nicht neue, weniger ideologisch aufgeladene und verletzende Stereotypen finden, die sich ebenso als mentale Modelle für die abstrakten Prozesse von Computerspielen eignen? Ein Großteil der Entwickler ist schlicht nicht selbstreflektiert genug oder einfach zu faul, um diesen kleinen Gedankenschritt zu wagen. Auch Publisher haben wenig Interesse daran, finanziell erfolgreiche Rezepte aufzugeben. Hinzu kommt, dass die Spielerschaft ebenso an ihren stereotypen Ideologien hängt. Als die Medienkritikerin Anita Sarkeesian angekündigt hat, eine Videoserie zu sexistischen Tropen im Computerspiel zu starten, wurde sie massiv von männlichen Spielern angefeindet. Die Attacken reichten von wüsten Beschimpfungen und Drohungen, über Manipulationen ihrer Wikipedia-Seite bis hin zu einem Flashspiel, in dem man die Bloggerin verprügeln kann. Im Computerspiel haben Frauen eben entweder passiv zu bleiben – ich schaue da in Deine Richtung, Ashley Graham! – oder aber als sehr aktive Wichsvorlage zu dienen – ja, Mai Shiranui, Du bist gemeint! So zumindest die – polemisch zugespitzte – Ideologie hinter dem Shitstorm.

Dem Medium Computerspiel selbst kann man jedoch nicht die Schuld an den schon viel älteren Weltbildern geben, für die sie schlicht eine ideale Projektionsfläche bieten. Als Speerspitze der Digitalisierung bringen Computerspiele allerdings auch ihre eigene Ideologie mit, die ebenso subtil wie problematisch ist. Wo die Welt des Analogen fließende Übergänge und Kontinuität erlaubt, bevorzugt die digitale Welt eindeutige Grenzen, klares „Weniger“/„Gleich“/„Mehr“ und unmissverständliches „Draußen“/„Drinnen“. Graustufen lassen sich hier nur noch suggerieren, dem Digitalen liegen immer scharfe Entscheidungsprozesse zugrunde: Eins oder Null. Kein Wunder also, dass radikale Ideologie so gut an das digitale Spiel andocken kann, denn auch hier geht es um binäre Unterschiede und scharfe Abgrenzungen. Männer sind stärker als Frauen = „true“. Die Cherokee sind eine kultivierte Zivilisation = „false“. Schöne neue digitale Weltordnung.

Das wäre halb so tragisch, wenn sich die Ideologie des Digitalen nicht ihren Weg zurück in die analoge Welt bahnen würde. Gerade Phänomene wie die allseits gehypte „Gamification“ machen deutlich, dass die Übertragung der Ideologie des Computerspiels auf unseren Alltag im vollen Gange ist. Das Feilschen um Facebook-Likes, die territorialen Auseinandersetzungen auf Foursquare und die permanente Steigerung von Punktesystemen wie Payback oder NikeFuel haben den Alltag vieler Menschen bereits jetzt von einem analogen Kontinuum in ein digitales Netzwerk diskreter Vergleichs-, Abgrenzungs- und Steigerungsprozessen gewandelt. Sicherlich kein apokalyptisches Szenario, aber ein guter Grund für die breite Vermittlung von „Gaming Literacy“ – wie der Game-Designer Eric Zimmerman die Kompetenz nennt, komplexe Spielsysteme zu verstehen. Denn wenn künstliche Intelligenzen schon heute an der Wallstreet nach diffusen Regeln mit „High Frequency Trading“ die Weltwirtschaft beeinflussen und ganze Gesellschaften ihr AAA+-Rating aberkannt bekommen, ist es höchste Zeit, die Ideologie dieser realen Spielwelten zu hinterfragen. Denn so absurd scheint der Genozid von Fate of the World dann auch nicht mehr. Die Variablen sind bereits verteilt, es muss nur noch das falsche Spielziel definiert werden: Mission gewonnen?

Character Info

Christian Huberts

Christian Huberts, Diplom-Kulturwissenschaftler, Jahrgang 1982, studierte »Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis« an der Universität Hildesheim.

Zur Zeit ist er freiberuflicher Redakteur für das Games-Bookazine WASD, kuratiert Texte auf piqd sowie tritt regelmäßig als Experte für digitale Spiele auf Kulturveranstaltungen auf. Er hat zuletzt an der GA Hochschule in Berlin doziert und den Game Studies-Sammelband »Zwischen|Welten: Atmosphären im Computerspiel« im vwh-Verlag herausgegeben. Daneben schreibt er für wissenschaftliche Publikationen, Kulturmagazine sowie Online-Zeitungen diverse Artikel über die Partizipation an virtuellen Welten und die Kultur von Computerspielen.

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